
Gold und Silber steigen seit Jahren auf Höchststände, Investoren hedge gegen die Schwäche des US-Dollars. Tom Lee von BitMine weist auf eine historische Regel hin: Nach der Stabilisierung der Metalle steigen Bitcoin und andere Kryptowährungen oft an. Nach der Deleveraging im Oktober 2025 und der Verbesserung der fundamentalen Daten im Kryptobereich glaubt er, dass Tokenisierung und Blockchain die Produktivität der Banken steigern werden.
Mit dem Anstieg der Gold- und Silberpreise auf Mehrjahreshochs wenden sich Investoren zunehmend Edelmetallen zu. In einem kürzlichen CNBC Power Lunch-Gastbeitrag erklärte Tom Lee, Forschungsleiter bei BitMine, warum Metalle bereits eine „echte Asset-Klasse“ geworden sind und was das für Aktien und Kryptowährungen bedeutet.
Lee sagt: „Metalle beweisen sich als eine echte, zuverlässige Asset-Klasse, weil ich denke, dass die Leute über Jahre hinweg vielleicht nur Goldliebhaber gehalten haben. Aber jetzt, vor allem in den letzten drei Jahren, glaube ich, haben die Metalle bewiesen, dass sie eine unaufhaltsame Kraft sind.“ Hinter diesem Wandel stehen drei Hauptfaktoren.
Erstens verschärfen geopolitische Unsicherheiten. Konflikte zwischen Russland und der Ukraine, Spannungen im Nahen Osten, Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China – all diese Risiken verstärken den Druck auf Zentralbanken und institutionelle Investoren, ihre Goldreserven zu erhöhen. Daten des World Gold Council zeigen, dass die globalen Zentralbankkäufe im Jahr 2025 ein Rekordhoch erreichen, mit anhaltenden Zukäufen aus China, Indien, der Türkei und anderen Ländern. Dieser „De-Dollarisierungs“-Trend wird sich in der aktuellen geopolitischen Lage nur beschleunigen.
Zweitens bietet die Schwäche des US-Dollars Preissupport. Der Dollar-Index ist seit dem Hoch 2024 kontinuierlich gefallen und pendelt derzeit um die 96. Wenn der Dollar abwertet, werden in Dollar denominierte Rohstoffe wie Gold und Silber für internationale Käufer in anderen Währungen günstiger, was die Nachfrage natürlich steigen lässt. Zudem geht eine schwächere Dollarentwicklung oft mit Erwartungen an eine lockere Geldpolitik der Fed einher, was die Opportunitätskosten für das Halten von zinslosen Vermögenswerten wie Gold senkt.
Drittens steigen die Erwartungen an eine dovishe Geldpolitik der Zentralbanken. Obwohl die Federal Reserve am Mittwoch die Zinsen unverändert ließ, wird eine neue Zinssenkungsrunde in der zweiten Hälfte 2026 erwartet. Ein Niedrigzinsumfeld ist für Gold äußerst vorteilhaft, da es die realen Renditen von Bargeld und Anleihen senkt und Kapital in Edelmetalle und andere alternative Anlagen fließen lässt. Silber hat neben seiner Währungsfunktion auch industrielle Anwendungen (Elektronik, Solarenergie), und die Nachfrage im Zuge des grünen Energiewandels wächst weiter.
Lee erklärt, dass der Anstieg der Metallpreise durch geopolitische Unsicherheiten, Dollar-Schwäche und die Erwartungen an eine dovishe Geldpolitik getrieben wird. Er betont jedoch, dass der Anstieg der Metallpreise kein schlechtes Zeichen für den Aktienmarkt sei. „Ich denke nicht, dass das schlecht für den Aktienmarkt ist, weil, wenn das auf eine schwächere Dollarentwicklung oder eine dovishe Haltung der Zentralbanken zurückzuführen ist, das für die Asset-Preise vorteilhaft ist.“ Lee ist der Ansicht, dass die Schwäche des Dollars und das beschleunigte Gewinnwachstum dem Aktienmarkt eine stabile Unterstützung bieten, obwohl die Metallmärkte die Aufmerksamkeit der Investoren auf sich ziehen.
(Quelle: Trading View)
Tom Lee hebt eine wichtige historische Regel hervor: Nach einem starken Anstieg der Metallpreise folgt oft eine Phase, in der Bitcoin und Ethereum wieder steigen, sobald sich die Metallpreise stabilisieren. Dieses Kapitalumschichtungsmuster hat sich in mehreren Zyklen wiederholt und basiert auf einer klaren Logik.
Wenn geopolitische Risiken oder wirtschaftliche Unsicherheiten erstmals ausbrechen, reagieren Investoren zunächst mit Flucht in die älteste und anerkannteste Absicherung – Gold und Silber. Diese „erste Flucht“ treibt die Metallpreise schnell nach oben. Sobald die Preise jedoch ein Hoch erreicht und sich stabilisiert haben, suchen Gewinnmitnehmer nach neuen Investitionsmöglichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt wird Bitcoin als „digitales Gold“ attraktiv, da es sowohl eine Absicherungsfunktion als auch hohes Wachstumspotenzial bietet.
Phase 1 (Fluchtphase): Geopolitische Risiken brechen aus → Kapital fließt in Gold und Silber → Metallpreise steigen stark
Phase 2 (Stabilisierungsphase): Metallpreise erreichen Hochs und konsolidieren → Frühinvestoren realisieren Gewinne → Kapital sucht nach neuen Anlagen
Phase 3 (Umschichtungsphase): Kapital fließt in Bitcoin und andere risikoreiche Anlagen → Krypto-Markt startet neue Aufwärtsbewegung
Historische Daten bestätigen dieses Muster. 2019 stiegen Gold von 1.300 USD auf 1.550 USD und konsolidierten, bevor Bitcoin von 7.000 USD auf 64.000 USD im Jahr 2021 anstieg. Nach dem Durchbruch von Gold über 2.000 USD im Jahr 2020 stabilisierte sich der Preis, während Bitcoin in den folgenden neun Monaten um 540 % zulegte. Dieses „Metalle voran, Bitcoin folgt“-Muster ist kein Zufall, sondern spiegelt die phasenweise Entwicklung der Risikobereitschaft wider.
Tom Lee ist der Meinung, dass wir uns aktuell in der Übergangsphase zwischen Phase 2 und Phase 3 befinden. Gold hat die 3.700 USD-Höchstmarke durchbrochen und beginnt zu konsolidieren, Silber schwankt bei etwa 34 USD. Diese Stabilitätsanzeichen deuten darauf hin, dass die Fluchtstimmung ihren Höhepunkt erreicht hat und Kapital bald in Bitcoin umgeschichtet werden könnte. „Obwohl die Edelmetalle hinterherhinken, haben sich die fundamentalen Daten im Kryptobereich nach der Deleveraging verbessert. Die Branche ist zwar noch etwas wackelig, aber die fundamentale Lage hat sich deutlich verbessert“, sagt Lee.
Lee betont, dass die Deleveraging-Politik im Oktober 2025 die Kryptomärkte weiterhin beeinflussen wird, doch die Auswirkungen wandeln sich von negativ zu positiv. „Einige Börsen und Market Maker haben eine groß angelegte Deleveraging durchgeführt, daher ist die Branche momentan etwas wackelig, aber die fundamentale Lage hat sich deutlich verbessert.“ Diese Einschätzung basiert auf sinkenden Leverage-Raten und einer verbesserten Marktstruktur.
Das Liquidationsereignis im Oktober hat zwar zu einem Preisverfall geführt, aber auch übermäßige gehebelte Positionen bereinigt. Der systemische Leverage liegt derzeit bei etwa 3 % des Gesamtmarkts, deutlich niedriger als die 5-7 % in den Jahren 2024-2025. Geringe Hebelwirkung bedeutet, dass der Markt widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Kursschwankungen ist und keine Kettenreaktionen durch Liquidationen zu plötzlichen Abstürzen führen. Zudem haben die offenen Kontrakte bei Bitcoin-Optionen die Perpetual Futures übertroffen, was auf eine Verschiebung der Marktteilnehmer von „hohem Hebel auf Long“ zu „begrenztem Risiko“ hinweist.
Tom Lee ist optimistisch für Branchen wie Energie, Basismaterialien, Finanzen, Industrie, Small Caps und die Mag-7-Technologiewerte. Besonders im Bankensektor sieht er Chancen: „Der Finanzsektor leidet, weil die Regierung willkürlich entscheidet, welche Unternehmen gewinnen und welche verlieren. Aber die fundamentalen Daten der Banken sind sehr gut. Ich denke, Tokenisierung und Blockchain sind echte Treiber, die die Produktivität erheblich steigern werden, und Künstliche Intelligenz ist ein riesiger Rückenwind. Ich glaube, mit der Zeit werden die Banken wie Tech-Aktien neu bewertet.“
Seine positive Einschätzung für Banken steht nicht im Widerspruch zu seiner Optimismus gegenüber Kryptowährungen. Lee glaubt, dass traditionelle Banken durch die Annahme von Tokenisierung und Blockchain ihre Effizienz deutlich steigern und Kosten senken können. Wenn grenzüberschreitende Zahlungen, Wertpapierabwicklung und Depotverwaltung auf Blockchain umgestellt werden, verkürzen sich Abwicklungszeiten von Tagen auf Sekunden, die Kosten sinken um über 50 %. Diese technologische Aufrüstung wird den Banken eine Bewertungsprämie ähnlich wie bei Tech-Unternehmen verschaffen.
Lee spricht auch die kurzfristigen Unsicherheiten an, etwa Regierungsstillstände und mögliche Gewinnwarnungen. Er meint, solche Ereignisse böten eher Kaufgelegenheiten als langfristige Bedrohungen. „Natürlich verursachen Stillstände kurzfristig Unsicherheiten, aber die Erfahrung zeigt, dass das alles Gelegenheiten zum Einstieg sind.“ Dieses Bottom-Fishing basiert auf Vertrauen in langfristige Trends.
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