Der Fed-Vorstandsmitglied Michael Barr hat am 3. Mai in einer Rede vor dem Private-Credit-Markt gewarnt. Der Druck dort könne eine „psychologische Ansteckung“ („psychological contagion“) auslösen und zu einer umfassenderen Kreditklemme führen. Laut Bloomberg erneuert Barr seine Opposition gegen eine Lockerung der Regulierungs-„Zügel“ für Wall Street, wenn das Risiko zunimmt. Barr ist im Februar 2025 als stellvertretender Vorsitzender für Aufsicht bei der Fed zurückgetreten, verbleibt derzeit jedoch als Vorstandsmitglied; diese Wortmeldung gilt als eine der deutlichsten Warnungen Barrs nach seinem Rücktritt hinsichtlich der Risiken im Bereich Private Credit.
„Psychologische Ansteckung“: Stress kann sich über Anlageklassen hinweg ausbreiten
Barrs Kernargument: Private Credit sei der derzeit am schnellsten wachsende Bereich im Finanzsystem, aber gleichzeitig der Sektor mit der geringsten Regulierungsabdeckung. Wenn es in diesem Bereich zu Häufungen von Ausfällen oder Abwertungen bei den Bewertungen kommt und die Angst des Marktes vor „ähnlichen Risiken“ die konkreten Grenzen einzelner Vermögenswerte übersteigt, könnte dies andere Kreditmärkte (etwa Unternehmensanleihen im BBB-Bereich, Gewerbeimmobilien-Schulden oder Bank-Interbanken-High-Leverage-Kredite) in eine gleichzeitige Schrumpfung treiben – genau das sei „psychologische Ansteckung“.
Eine Ansteckung braucht keine tatsächlichen Kapitalfluss-Verbindungen: Schon die Sorge der Anleger darüber, „wo das nächste Problem passieren wird“, reicht aus, um Umschichtungen zur Absicherung und Enthebelung voranzutreiben. Ein historisches Beispiel: Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 breiteten sich die ursprünglich nur bei mit Hypotheken besicherten Wertpapieren (MBS) entstandenen Verluste rasch aus – in Geldmarktfonds, Commercial Paper und in den gesamten US-Dollar-Interbanken-Geldmarkt; die psychologische Verknüpfung ist der zentrale Mechanismus der Ausbreitung.
Größe des Private-Credit-Markts: 1,7 Billionen US-Dollar, Exponierung des Bankensystems steigt
Der US-Markt für Private Credit hat inzwischen eine Größenordnung von rund 1,7 Billionen US-Dollar erreicht und ist in den vergangenen 5 Jahren um mehr als das Dreifache gewachsen. Dabei baut das Bankensystem seine Exponierung gegenüber Private Credit fortlaufend auf – über direkte Kreditvergabe, indirektes Halten von BDC-(Commercial Development Company)-Beteiligungen und über Asset-Securitization-Pfade. Sobald im Private-Credit-Bereich in großem Umfang Ausfälle auftreten, würde sich die sekundäre Exponierung der Banken auf traditionelle Kreditmärkte übertragen.
Barrs Position lautet: Die Regulierung sollte Risiken proaktiv verstärken, bevor die Krise eintritt, statt erst nach dem Ausbruch der Krise zu reagieren. Diese Haltung steht im Gegensatz zu Teilen der Regulierungsliberalisierungs-Befürworter (darunter einige Abgeordnete und Lobbygruppen aus dem Umfeld der Wall Street). Die Rede gilt als eine Aussage zur Kontinuität der Regulierungslinie in Barrs Sinne nach dem Ausscheiden aus dem stellvertretenden Vorsitz.
Ausblick: Reaktion der Fed-Politik, Kapitalanforderungen für Banken, Q3-Kreditmärkte
Der nächste Beobachtungspunkt ist, ob andere Fed-Vorstandsmitglieder Barrs Risikowarnung aufgreifen – insbesondere mit Blick auf die konkrete Position des amtierenden stellvertretenden Vorsitzenden für die Aufsicht. Ein weiterer Punkt ist, ob die jährlichen Bank-Stresstests der Fed (CCAR) Private-Credit-Exponierungen in neue Szenarioannahmen aufnehmen. Wenn im Q3 bei den Kreditmärkten konkrete Ausfälle auftreten, wird Barrs Rahmen für „psychologische Ansteckung“ unmittelbar auf die Probe gestellt.
Der Artikel Fed-Vorstandsmitglied Barr warnt: Private Credit könnte „psychologische Ansteckung“ auslösen, Risiko einer Kreditklemme steigt – Erstmals erschienen auf Chain News ABMedia.